HANNOVER, HANNOVER*IN, HANNOVSIE ODER WIE?

Mit der Initiative der Stadtspitze, eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache einzuführen, hat die Landeshauptstadt seit dem 18. Januar plötzlich bundes- und sogar europaweite Berühmtheit erlangt. Seitdem ebbt die Flut an Facebook-Beiträgen, Kommentaren in den Medien und Diskussionen in hannoverschen Lokalen und Straßen nicht ab. Politischer Höhepunkt wird wohl eine Aktuelle Stunde zum Thema in der Ratsversammlung am 28. Februar sein. „Dort wird Ratsfrau Georgia Jeschke in der Aktuellen Stunde für unsere Fraktion das Wort ergreifen“, sagt Jens Seidel, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion.


Zwang von oben hat noch nie zu einer Änderung von Denken und Handeln geführt

„Zunächst ist der Wunsch, eine gerechte Verwaltungssprache zu installieren, nachvollziehbar“, sagt Georgia Jeschke. Die Frage sei jedoch, ob der gewählte auch der richtige Weg ist. „Direkter oder mittelbarerer Zwang von oben hat noch nie zu einer nachhaltigen tiefen Änderung von Denken und Handeln geführt“, sagt die CDU-Frau und verweist auf die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die sagte: „Auch in Demokratien ist Sprache so wenig wie in Diktaturen ein unpolitisches Gehege. Da wie dort liegt sie nicht außerhalb des Lebens, da wie dort muss man ihr ablauschen, was sie mit den Menschen tut.“

„Das Sprache sich verändert, lässt sich nicht bestreiten“, sind sich Seidel und Jeschke einig. Ebenso wenig lasse sich bestreiten, dass Politik, also der Diskurs über die Angelegenheiten einer Gesellschaft und deren Regelung ohne Sprache schlechterdings nicht möglich sei. Verwaltung ist insoweit hier in die Sphäre des Politischen zu rechnen. „Politik ist also für Sprache mitverantwortlich, sie ist, nach meinem Dafürhalten, aber nicht für sie zuständig“, erläutert Jeschke in diesem Zusammenhang. „Wohin es führt, wenn Politik sich für zuständig erklärt, kann man hervorragend an der Rechtschreibreform besichtigen.“

Es sind die Menschen in einer Gesellschaft, die Sprache gestalten

Auf diesen Aspekt wolle sie auch ausdrücklich in der Ratsversammlung eingehen. „Es sind die Menschen in einer Gesellschaft, die Sprache (um-)gestalten. Dies ist ein langwieriger Prozess, den Politik und Verwaltung bestenfalls irgendwann aufnehmen, aber nicht aktiv von oben vorgeben sollten.“ Für Georgia Jeschke besteht in diesem Vorgehen nicht nur die Gefahr, tatsächlich bestehende Ungleichbehandlungen zu zementieren und diese lediglich sprachlich zu bemänteln. Vielmehr könnten sich auch Gruppen erneut ausgeschlossen fühlen. „Was ist mit Transpersonen, denen durchaus an einem binären Geschlechtermodell – also der klaren Unterscheidung nach männlich und weiblich – gelegen ist? Was ist mit den Menschen, die man ehedem durch ‚einfache Sprache‘ erreichen und mitnehmen wollte und die sich nun durch die eher intellektuelle und akademische Genderdebatte ausgegrenzt fühlen könnten?“, fragt sie. Und schließlich – und dies sei sicher nicht der unbedeutendste Aspekt – sei auch zu fragen, wie es sich mit den Frauen verhalte, die jahrzehntelang dafür gekämpft haben, dass das generische Femininum gleichberechtigt neben dem Masculinum Anwendung findet: Liebe Bürgerinnen und Bürger! Müssen diese jetzt befürchten, hinter dem Genderstar erneut zu verschwinden? „Ich bin durchaus für eine differenzierte Sprache. Jedoch nicht ohne Diskussion darüber, welche Folgen sich daraus für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ergeben“, findet Jeschke.

Wie können wir für ein Klima von Akzeptanz und Wertschätzung für alle Menschen sorgen?

„Die Diskussion über Ungleichbehandlungen, Diskriminierungen und was wir wie daran ändern wollen, muss in der Gesellschaft und nicht in den Amtszimmern einer Stadtverwaltung geführt werden“, befindet auch Seidel. Gerade die Parteien wüssten doch aus eigener Erfahrung am besten, wie viel in Sachen Gleichberechtigung noch zu tun sei. „Schauen Sie sich in der Ratsversammlung doch einmal um,“ sagt auch Jeschke und fügt an: „Mit Ausnahme der Grünen ist in Sachen Frauenteil in allen anderen Fraktionen aber noch deutlich Luft nach oben.“ Wenn der Impuls der Stadtverwaltung ein Anstoß zu einer breit angelegten Debatte war, wolle sich die CDU gern daran beteiligen. Dann aber bitte auch mit den wirklich relevanten Fragen. „Was können wir in Hannover noch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tun? Wie verhindern wir noch besser, dass es zu häuslicher Gewalt kommt? Wie erhöhen wir den Frauenanteil in Politik und in den mittleren Führungsebenen der Verwaltung? Wie können wir für ein Klima von Akzeptanz und Wertschätzung für alle Menschen sorgen? Wenn wir Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen gefunden haben, können wir gern auch über Sprache diskutieren“, so Jeschke. „Allerdings passt die sich dann vermutlich ganz von allein den veränderten Gegebenheiten an“, zeigt sich die CDU-Frau zum Abschluss überzeugt.

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