Ein 18. Gymnasium oder eine neue Realschule für Hannover?

Hannover ist eine wachsende Stadt und benötigt eine weitere Schule. Daran besteht kein Zweifel, alle Parteien im Rat der Landeshauptstadt Hannover sind sich dieser Problematik bewusst. Bei der Frage, welche Schulform es werden soll, scheiden sich allerdings die Geister. Dies wurde an der kontroversen Debatte und an der Anzahl der Änderungsanträge deutlich. Knapp fünf Monate hat die Entscheidungsfindung zu Gunsten eines neuen Gymnasiums in den Ratsgremien gedauert.
Ob die Stadt Hannover Schulträgerin wird, oder ob das 18. Gymnasium in freier Trägerschaft betrieben werden soll, wird derzeit in den Parteien diskutiert. Für den Standort schlägt die Stadtverwaltung das städtische Grundstück "Am Sandberge" im Stadtbezirk Kirchrode-Bemerode-Wülferode vor. Über die Beschlussdrucksache wird voraussichtlich im nächsten Schulausschuss im Mai abgestimmt.


Die richtige Entscheidung getroffen?


Die Stadtverwaltung begründet ihre Entscheidung für ein Gymnasium – getragen durch das Ampelbündnis (SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP) – mit dem Elternwillen, denn eine Kommune muss bei entsprechender Anwahl der Eltern, Plätze an einem Gymnasium vorhalten können. 52,9 % der Eltern entschieden sich im Schuljahr 2017/2018 für ein Gymnasium. Die vorhandenen Kapazitäten reichten nicht aus, und einige 5. Klassen mussten mehr als die maximal zulässige Schülerzahl (30) aufnehmen.
Im Schuljahr 2017/2018 besuchten in Hannover 2.174 Schülerinnen und Schüler die 5. Klasse eines Gymnasiums, in der 10. Klasse waren es hingegen nur 1.700. 474 Schülerinnen und Schüler – das sind fast 16 Klassen – gingen in der Vergangenheit im Verlauf der Schulzeit bis zur 10. Klasse wieder vom Gymnasium ab. Die kontinuierliche Abnahme der Schülerzahlen beginnt bereits ab der 5. Klasse und schon in den 6. und 7. Klassen ist der Schulplatzbedarf deutlich gesunken.
Die Frage drängt sich auf: Ist es wirklich notwendig ein weiteres Gymnasium zu errichten, wenn in den höheren Klassenzügen die Schülerzahl derart abgenommen hat?

Gibt es eine Alternative?

Ja, eindeutig: Unser Schulsystem besteht nicht nur aus Gymnasien und Gesamtschulen. Zum differenzierten Schulsystem gehören Hauptschule, Realschule und in Niedersachsen auch Oberschulen. Aufgrund der jahrzehntelangen rot-grünen Mehrheitsverhältnisse im hannoverschen Rathaus wurden Haupt- und Realschulen in den vergangenen Jahren kläglich vernachlässigt. Keine notwendigen Sanierungen, An-, Umbauten oder gar Neubauten kamen diesen Schulformen zugute. Hinzu kam, dass insgesamt das Image der Hauptschule so stark beschädigt wurde, dass diese Schulform in Hannover nun komplett ausläuft.
Die Stärkung der Integrierten Gesamtschule, sowohl in der Anzahl als auch in der Ausstattung, war und ist der unausgesprochene Schwerpunkt der rot-grünen Schulpolitik in unserer Stadt. Die geschrumpfte Vielfalt der Schulformangebote und der Wegfall der Schullaufbahnempfehlung (durch die Schulen erstellt) haben dazu geführt, dass das Gymnasium für viele Eltern zur alternativlosen Schulform wurde.

Die hohe Abgangsquote vom Gymnasium zeigt aber, dass nicht wenige Schülerinnen und Schüler in dieser Schulform einfach überfordert sind. Für jedes einzelne Kind ist dies eine missliche Erfahrung und hinderlich für eine gute Gesamtentwicklung der individuellen Persönlichkeit.

Für diese Kinder könnte die Wahl einer Realschule angemessen und adäquat sein. Das breit angelegte Fächerangebot dieser Schulform qualifiziert die Schülerinnen und Schüler sowohl für die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt als auch für den Besuch weiterführender Schulen. Nicht nur das Angebot der zweiten Fremdsprache ab der 7. Klasse, die sogenannten Wahlpflichtfächer aus dem naturwissenschaftlich-technischen, sozialwissenschaftlichen oder künstlerisch-musischen Schwerpunkt, sondern auch das Angebot zur beruflichen Orientierung bietet den Kindern alle Chancen für eine gute und zukunftsreiche Entwicklung.
Für die Behebung des derzeit eklatanten Fachkräftemangels in unserer Wirtschaft könnte die Realschule eine entscheidende Rolle übernehmen.Es fehlt uns nicht an gescheiterten Akademikern sondern an ausgebildeten Schlossern, Sanitär- und Heizungstechnikern, Metzgern, Bäckern oder Fachkräften in den Pflegeberufen. Und letztlich kann derjenige, der den Mittleren Schulabschluss macht, auch noch auf dem Weg über Wirtschaftsschule, Fachober- und Berufsoberschule und sogar über den Meister zum Studium kommen, oder aber auch nach der 10. Klasse wieder an ein Gymnasium wechseln.

Stärkung des Realschulangebotes


Folgerichtig hat die CDU statt eines weiteren Gymnasiums für Hannover eine neue Realschule vorgeschlagen. Ein Neubau und eine pädagogisch wertvolle Ausstattung wird die Realschule als Alternative zum Gymnasium in den Fokus rücken. Wir benötigen ein vielfältiges Schulsystem, das auf die individuellen Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern besser eingehen kann und die Realschule bietet sich hierfür bestens an.
Wir werden die Entwicklungen rund um das nun beschlossene 18. Gymnasium weiter kritisch begleiten und hoffen auf die Einsicht der Verantwortlichen, dass die Probleme mit dieser Entscheidung nicht gelöst sind und weiterhin Handlungsbedarf besteht.

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